Kolumne von Urs Glättli, GLP-Kantonsrat, Winterthur
Wisentbulle «Ingolf»
Wir trauern um Wisentbulle «Ingolf». Er ist im Wildtiergehege des Bruderhauses gestorben, altershalber erlöst, per Obduktion bestätigt. Der Stadtrat hat es frühmorgens gemeldet, mit Medienmitteilung, am Montag, 27. Januar 2025. Ein trauriges Ereignis. Zum Abschied hat er es noch auf die Titelseite des Landboten gebracht. Für einmal hat auch der Tagesanzeiger etwas aus Winterthur gedruckt. Sogar im Blick ist es gestanden. Geboren in Österreich und von dort nicht gerade eingewandert, aber immerhin – wohl zollfrei – importiert oder besser, adoptiert.
Sein Nachwuchs lebt weiter. 32 Jungtiere in 16 Jahren tragen seinen Namen. Sie heissen wohl «Wingolf» oder noch besser «Wingold». Sie werden sich wohl in ganz Europa verbreiten, wo sie bis anfangs zwanzigstes Jahrhundert noch in freier Wildbahn heimisch waren. Geplant sind auch Auswilderungen im Jura. Vielleicht kommen sie eines Tages wieder in Wiesendangen vorbei.
Langlebig sind auch die Bullen der Politik, Männchen wie Weibchen. Bescheidener sind sie nur mit dem Nachwuchs. Dort hapert es allenthalben. Ihre Amtsdauer soll neuerdings sogar beschränkt werden, wird vorgeschlagen. Neu heisst es dann: Altershalber erlöst, mit Medienmitteilung bestätigt. Im Bruderhaus könnte man ihnen eine neue Bleibe einrichten, so wie für den «Holidi». Dafür könnte der Pirat im Stadtparlament wieder einmal eine Interpellation einreichen. Im Kantonsrat fordert SP-Kantonsrat Mörgeli, Mitglieder des Regierungsrats sollen nach drei Amtszeiten abtreten müssen. Die Abkürzung RR für Regierungsrat würde dann nicht mehr für «Rüstige Rentner:innen» herhalten müssen. Da bin ich dagegen, weil wir langsam aber sicher froh sein müssen, wenn sich überhaupt genügend interessierte Personen melden, die ein solches Amt ausüben möchten.
Im Gegenteil rufe ich jung und alt auf, sich bei den Parteien zu melden, um für das Stadtparlament zu kandidieren. Gesucht sind politisch Interessierte mit Willen, etwas zu gestalten, zu ändern, Lösungen zu finden und Neues zu entwickeln, Winterthur weiter zu bringen. Politische Ämter sind bereichernd. Man lernt seine Lebensumgebung von einer neuen Seite kennen. Man darf ein neues Biotop besiedeln, den Bullen und Kühen öffentlich die Meinung sagen und wenn es kein Platz mehr hat, weiterziehen oder – wenn man keine Lust mehr hat – zurücktreten.
Bezirksräte werden vom Stimmvolk gewählt, wenn auch meist nur still und heimlich. Sie sind fürstlich entschädigt. Sie beaufsichtigen Städte, Gemeinden und öffentliche Institutionen wie selbständige Alters- und Pflegeheime. Ist jemand nicht einverstanden mit einem Entscheid des Stadtrates oder fühlt sich verletzt in der Ausübung der politischen Rechte, rekurriert man beim Bezirksrat. Dieser entscheidet regelmässig über die Richtigkeit von Abstimmungsbroschüren, über die Gültigkeit von Initiativen, über (nicht) gebundene Ausgaben, über die Pflichterfüllung von Stadt- und Gemeinderäten und, und, und erfährt dann die Öffentlichkeit, was und wie der Bezirksrat entscheidet?
Nichts erfährt man, gar nichts. Das muss ein Ende haben. Die Öffentlichkeit hat ein Recht, zu erfahren, wie und was da entschieden wird: Es werde Licht in den Dunkelkammern der Bezirksräte.
«Mehr Transparenz» ist seit Jahren grünliberales Programm. So haben wir dazu beigetragen, dass der Stadtrat Winterthur seine Beschlüsse im Internet veröffentlicht, so wie das der Zürcher Regierungsrat seit Jahren tut. Auch die Bewilligung hoher, gebundener Ausgaben muss in Winterthur seit einigen Jahren veröffentlicht werden. Transparenz schafft Vertrauen. Transparenz fordern wir nun auch bei den Bezirksräten. Zusammen mit anderen Fraktionen verlangen wir die Veröffentlichung ihrer Entscheide, ihrer aufsichtsrechtlichen Anordnungen und Empfehlungen. Es ist höchste Zeit, am Montag im Kantonsrat die Parlamentarischen Initiative «Für mehr Transparenz von Entscheiden der Bezirksbehörden» einzureichen. Der Wählerschaft muss das Schaffen der von ihr gewählten Behördenmitglieder endlich transparent gemacht werden.